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02/2000     Jens Pohl   Rolf Kasparek     (English Version)


Victory, das mittlerweile elfte Studioalbum von RUNNING WILD, ist seit Anfang Januar erhältlich. Die Meinungen zur neuen Langrille reichen von 'enttäuschend' über 'nichts Neues' bis hin zu 'grandios', wobei ich persönlich dazu tendiere, Victory in die Kategorie 'grandios' einzuordnen, da das Album angenehm abwechslungsreich klingt ...

Wie stehst Du aus heutiger Sicht zu welchen Deiner Alben? Welche Schaffensphase siehst Du als mehr, welche als weniger stark?

Ich denke die ganzen 15 Jahre Profikarriere waren ein einziger Lernprozeß in Bezug auf Songwriting, Produktion und Präsentation. Ich denke es gibt eine kontinuierliche Weiterentwicklung in allen Punkten, lediglich mit der Death Or Glory hatten wir uns musikalisch etwas verzettelt, aber schon mit der Blazon Stone war die Richtung der Entwicklung wieder klar definiert. Ich würde die Sache mal grob in drei Entwicklungsstufen einordnen; die Gates To Purgatory bis zur Port Royal, die Death Or Glory bis zur Pile Of Skulls und die Black Hand Inn bis heute. Wobei hier eine auf der anderen aufbaut.

Warum ist das Songwriting nach Port Royal tendenziell immer einfach strukturierter geworden? Warum weg von komplizierteren Arrangements mit Breaks und Tempowechseln - als Beispiel "Calico Jack" von der Port Royal - hin zu den immer gleichmäßiger werdenden Doublebass-Rhythmen und den sehr straighten Songaufbauten? Mit Victory scheint RUNNING WILD jetzt ja wieder mehr in die groovige Richtung zu wechseln ...

Was ist mit Songs wie "Tsar", "Ballad Of William Kidd", "War And Peace", "Treasure Island" oder dem ambitioniertesten RUNNING WILD Werk "Genesis"? Ich denke nicht, daß das Material heute einfacher konzipiert ist, es ist aber mit Sicherheit konsequenter und logischer arrangiert. Mit Victory sind wir mit Sicherheit in die mehr groovigere Richtung gegangen, es handelt sich hier aber um keine intellektuelle Entscheidung, sondern um die logische Folge, die sich aus den Songideen ergibt.

Warum hat es seit Ready For Boarding eigentlich kein Live-Album mehr gegeben? Vor allem Fans aus Asien und Amerika, die ohne weiteres keine Chance haben ein Konzert zu besuchen, würden die einzigartige Live-Atmosphäre eines RUNNING WILD Konzertes in ihrem Wohnzimmer begrüßen ... Und wie stehst Du zu der Aussage, RUNNING WILD seien vom Grundgedanken her mittlerweile mehr als reine Studioband konzipiert statt als Liveband? Inwiefern verträgt sich das damit, daß man zu Ende der 80er zu Recht als Deutschlands beste Liveband galt und auf diesen Titel auch stolz war?

Bei einem Live Album spielt natürlich auch die Plattenfirma eine Rolle und Liveplatten verursachen enorme Kosten, stellen aber im Gegensatz dazu keinen großen kommerziellen Erfolg mehr dar, insofern sind die Plattenfirmen also wenig motiviert, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen; deshalb die lange Durststrecke. Dennoch liefen hierzu bereits Gespräche mit GUN Records als Projekt für die nähere Zukunft, zumal es sich hier um ein Gemeinschaftsprojekt von GUN und Noise handeln wird, was einen ziemlichen Aufwand bedeutet. Ich denke nicht, daß es sich bei RUNNING WILD mehr um ein Studioprojekt denn um eine Liveband handelt, es ist nur so, daß wir im Studio völlig anders arbeiten als Live, denn im Studio mache ich vieles allein, während Live eine Band von vier gleichberechtigten Musikern agiert. Außerdem denke ich, sprechen die RUNNING WILD Liveshows nach wie vor für sich.

Warum hat es seit Death Or Glory Live kein Live-Video mehr gegeben, obwohl man nach eigener Aussage mit dem Teil wenig zufrieden war? Warum hat man einfach alles auf sich beruhen lassen als sich herausstellte, daß die Videoaufnahmen, die auf der Blazon Stone Tour in der Offenbacher Stadthalle gemacht worden waren, qualitativ nichts taugten?

Die Antwort auf diese Frage ist mit der Antwort zur vorherigen Frage identisch, zumal Videos einen noch geringeren kommerziellen Erfolg als Live CD's darstellen. Die Aufnahmen während der Blazon Stone Tour waren nie als Livevideo gedacht, da es keine professionelle Soundaufnahmen gab, sondern als Material für einen eventuellen Videoclip, aber in erster Linie zur Kontrolle wie wirkt die Show und was läßt sich verbessern.

In der Vergangenheit hast Du Dich sehr mit der Geschichte der Piraten und Freibeuter beschäftigt. Was ist Deine persönliche Meinung über Bartholomew Roberts? Denn er erscheint durchaus erwähnenswerter als Personen wie John Rackham zum Beispiel ...

Er war sicher auch eine schillernde Persönlichkeit seiner Zeit, nur macht es sicher auch keinen Sinn einen Portraitsong zu jedem einzelnen Piraten zu machen, denn das wäre in der Tat eine Wiederholung, die auf Dauer langweilig werden würde. Als ich die Port Royal vorbereitete, kam mir ein Bericht über Calico Jack in die Hände und inspirierte mich zu dem gleichnamigen Song; ich war damals noch nicht so tief in der Materie, so daß ich vollständig informiert war.

Seit der Pile Of Skulls nahm die Anzahl der Songs über die Geschichte der Piraten und Freibeuter - auf Victory ist kein einziger Song zu diesem Thema vorhanden - immer weiter ab und stattdessen wurden immer mehr esoterische bzw. mystische Themen aufgegriffen. Bist Du der Meinung, daß das Thema Piraten erschöpft ist und nichts mehr zu bieten hat oder hast Du mittlerweile einfach andere Interessen?

Auf der Blazon Stone war übrigens auch nur ein Titel zu diesem Thema vorhanden, "Slavery", genau wie auf der Under Jolly Roger. Ich hatte mich textlich nie auf dieses eine Thema festgelegt und habe stets gesagt, ich würde niemals auf Krampf einen Song zu einem bestimmten Thema machen, denn die Ideen müssen spontan und natürlich kommen. Das auf der Victory kein Song zum Thema Piraten ist, bedeutet aber nicht, daß ich nie wieder einen Song zu diesem Thema machen werde, sondern daß die Grundideen einfach andere waren. Ich denke nicht, daß sich die Texte in eine andere Richtung bewegt haben, sondern das neue Ideen und Einflüsse hinzugekommen sind. Übrigens, auf der Pile Of Skulls befinden sich 4 Songs zum Thema Piraten, aber das nur am Rande.

Mit Victory hast Du der Gut-gegen-Böse Trilogie ein Ende gesetzt. Was erwartet uns als nächstes? Wird es wieder Songs über Piraten geben? Wird es weitere epische Songs im Stil von "Treasure Island" oder "Genesis" geben? Hast Du schon Ideen für ein weiteres Album oder denkst Du bereits daran, Dich und die Band zur Ruhe zu setzen, was niemand hofft? Schließlich gibt es RUNNING WILD schon mehr als zwanzig Jahre ...

Welches Thema als nächstes kommt ist logischerweise noch nicht spruchreif, weil wir ja noch nicht mal die Tour für die Victory absolviert haben. Auch wie dieses Material musikalisch aussehen wird, steht noch in den Sternen. Lediglich das wir nicht ans Aufhören denken steht absolut sicher fest.

Kannst Du Dir eigentlich vorstellen, daß RUNNING WILD Ihren Stil ändern, so wie es W.A.S.P. 1997 zum Beispiel versucht haben? Werden RUNNING WILD vielleicht irgendwann einmal eine Ballade spielen?

Eine Stiländerung wäre immer ein rein intellektueller Prozeß, der nichts mit dem was ich mit Musik in Verbindung bringe zu tun hat, und zwar: Gefühle! Eine Ballade haben wir bereits gemacht: "Ballad Of William Kidd"! Eine Ballade ist eine tragische Geschichte die von einer Person vorgetragen wird, so die richtige Bedeutung des Wortes, aber in deren heutiger Bedeutung interessiert mich diese Musikrichtung nicht.

Im letzten Jahr erschienen fünf Outputs der Band in einer remasterten Version incl. Bonustracks. Werden die verbleibenden Alben auch noch einmal in überarbeiteter Version wiederveröffentlicht, dann evtl. auch wieder mit einigen Bonustracks wie zum Beispiel mit "Purgatory" in einer Studio-Version, "Hallow The Hell", "War Child" und "King Of The Midnight Fire", auf dem damals Uwe Bendig gesungen hat?

Es gab Gründe diese fünf Alben zu Remastern; diese habe ich schon mehrfach in der Öffentlichkeit dargelegt. Da keine weiteren unveröffentlichten Tracks mehr existieren, würde eine Neuauflage der anderen Alben keinen Sinn machen. Die Songs, die Du nennst, haben selbst mit der Besetzung der Gates To Purgatory nichts zu tun und würden deshalb für eine Veröffentlichung nicht in Frage kommen.

Wie stehst Du zu sogn. Tribute-Alben? Welchen Song welcher Band würdest Du gern covern und einem Tribute-Album beisteuern, wenn die Möglichkeit bestehen würde? Oder steht ein solches Projekt gar nicht erst zur Debatte? "Revolution" von den BEATLES ist jedenfalls ein Geniestreich geworden ...

Man hat mir seinerzeit eine Beteiligung an den JUDAS PRIEST Tribute Alben angeboten; ich habe aber abgelehnt, weil ich an Tribute Alben nicht interessiert bin. Wenn ich einen Song covern möchte, dann tu ich das. Siehe "Revolution". Ich benötige aber hierzu keinen Anlaß wie einen Tribute-Sampler.

Warum hat es nach Auflösung der "Metal Pirates" keinen Fanclub mehr gegeben?

Wie vielleicht einige Fans wissen, hat es auch nach der Auflösung des Fanclubs noch einige sehr unerfreuliche Ereignisse gegeben, die hiermit in Zusammenhang standen. Insofern war der Bedarf nach derlei Aktivitäten bei meiner Plattenfirma, meinem Management und auch bei mir persönlich vollständig gedeckt. So gesehen war ein eigenständiger Fanclub für uns lange Zeit kein Thema mehr. Was hier die Zukunft bringen wird, wird sich zeigen.

Wie kann es angehen, daß Konzerte im Ausland nur deswegen seit Jahren nicht mehr zustande gekommen sind, weil es sich finanziell nicht lohnen soll? Die letzte vollständige Europatour, die diesem Titel auch gerecht wurde, war die Blazon Stone Tour. Wie steht das im Verhältnis dazu, daß gerade in den südlichen Ländern und vor allem auch in Brasilien seit Jahren verzweifelt um RUNNING WILD Konzerte gebettelt wird, sprich die Nachfrage müßte groß genug sein, um auch bei einer teuren Produktion noch einen Gewinn einfahren zu können. Jörg Michael hat auf der STRATOVARIUS Tour 1996 selbst gesagt, daß er zum Beispiel in Italien von den Veranstaltern regelrecht bekniet wurde, einen RUNNING WILD Gig in Mailand möglich zu machen, und daß beim STRATOVARIUS Gig dort jeder zweite Fan ein RUNNING WILD Shirt anhatte. Auch die Präsenz auf Festivals ist sehr rar gesät, wobei sich hier speziell das Wacken Open Air anbieten würde. Zum einen, da Wacken praktisch in unmittelbarer Nähe von Hamburg liegt, zum anderen, da sich dort internationales Publikum trifft, nicht nur aus den umliegenden Ländern wie zum Beispiel Dänemark, Schweden, Holland, Belgien und Spanien, sogar auch teilweise aus den USA und aus Brasilien... In diesem Jahr können sich auf jeden Fall schon einmal eure schwedischen Fans freuen, denn ihr spielt ja auf dem Schweden Rock Festival. Wird es denn noch weitere Konzerte in weiteren Ländern geben?

Da Du die Blazon Stone Tour ansprichst, ist dazu zu sagen, daß wir durch die Auslandsshows auf dieser Tour 70.000,- DM verloren haben, weil die bezahlten Gagen nicht ausreichten, um die täglich anfallenden Kosten zu decken; wir mußten dies als Band aus eigener Tasche bezahlen. Zu den von Dir genannten Beispielen kann ich nur sagen, daß wir die Angebote erhalten haben, aber es ist völlig egal wieviel Leute zu einer Show kommen würden, wenn die Gage, die ein Veranstalter anbietet, weder vorn noch hinten im entferntesten zur Deckung der Kosten reicht. Das heißt du kannst dir vorher ausrechnen wieviel Geld du verlieren wirst, wenn du diese Shows machst. Überhaupt kommt gerade bei Festivals der geringste Teil des Ticketpreises, den die Fans zahlen müssen, bei den Bands als Gage an. Die, die wirklich die Kohle einheimsen, sind die Veranstalter, das nur zu den hohen Festivalticket-Preisen. Außer dem Schweden Rock Festival sind noch einige Sachen im Gespräch, aber noch nicht bestätigt, übrigens aus den oben genannten Gründen.

Zum Abschluß noch eine Frage zum Status eures Drummers ... Nach dem Ausscheiden von Jörg Michael aus der Band war die Frage eines Nachfolgers lange Zeit ungeklärt. Es wird doch mit Sicherheit einige Anwärter auf den offenen Posten gegeben haben ... Warum also hast Du, anstatt auf einen renormierten Drummer zu setzen, einen bisher unbekannten Musiker - Angelo Sasso - als Studiodrummer verpflichtet? Gerüchteweise wird sogar behauptet, Angelo Sasso - ein Freund von Dir, so wie Du sagst, der im allgemeinen nichts mit Heavy Metal zu tun hat - sei gar keine Person. Kannst Du uns dazu vielleicht etwas mehr erzählen? Live wird euch ja wieder Efti tatkräftig unterstützen. Bietet es sich dann nicht auch an, Efti jetzt auch als euren Studiomusiker zu verpflichten? Schließlich paßt er, meiner Meinung nach, hervorragend zur Band, was er während der The Rivalry Tour bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat ...

Es bot sich einfach an, mit meinem Freund zu arbeiten. Angelo Sasso ist ein Pseudonym, aber er ist eine Person! Live ist eine ganz andere Geschichte. Efti wird für uns trommeln. Was allerdings auf dem nächsten Album passiert, weiß ich natürlich noch nicht, denn das hat ja noch Zeit. Die Tour und die Festivals sind jetzt vorrangig.

Vielen Dank, Rolf, für Deine Zeit und viel Erfolg auf der Victory Tour!!!
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